Ich hatte versucht, mich so gut es ging vorzubereiten. Hatte mich bemüht, den Text für den nächsten Drehtag auswendig zu lernen. Zumindest wegen Texthängern wollte ich meine Rolle nicht verlieren. Sie könnten mich feuern aufgrund von Unfähigkeit, aufgrund von nicht vorhandener Glaubhaftigkeit. Doch an meiner Verfassung konnte ich nichts ändern, man könnte mir also nicht vorwerfen, ich hätte nicht alles versucht.
Obwohl ich erst am späten Vormittag meine erste Szene drehen sollte, war ich pünktlich zum Beginn des neuen Drehtages am Set. Ich wollte mich wieder an die Atmosphäre gewöhnen, zeigen, dass ich ins Team gehören wollte. Ich versuchte, mir mein Innerstes nicht anmerken zu lassen. An diesem Tag war eine ganze Horde von Fotographen vor dem Set erschienen.
Nach den Schlagzeilen der letzten Tage
<
oder
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hatten sie, natürlich, gehört, dass ich heute wieder drehen würde. Und da standen sie nun, die Kameras am Anschlag, allzeit bereit, den Auslöser zu betätigen. Doch dazu würde ich ihnen keine Gelegenheit bieten.
Nicht heute.
Ich ging los, um mir erstmal einen Kaffee zu holen. Ich wusste, dass das nicht unbedingt gesund war, doch ich hatte es mir so angewöhnt, es war quasi bereits zu meinem Markenzeichen geworden. Vor einiger Zeit hatte ich zum Spaß ein Mal meinen Namen gegoogelt.
Hatten die Menschen wirklich Interesse daran, mich so zu sehen?
Zu sehen, wie ich total gestresst am Flughafen ankam?
Oder wie ich mit meinem Kaffee in der einen und meinem, zugegebenermaßen schon ziemlich zerfledderten Drehbuch in der anderen Hand aus dem Hotel kam?
Die Antwort ist wohl jedem klar.
JA, die Leute wollten mich sehen.
Gerade die weiblichen Fans schienen geradezu an die Decke zu gehen, sobald neue Fotos von mir auftauchten.
Das gab diesen ganzen Paparazzi natürlich einen Ansporn. Nur deshalb wurde ich quasi dauerhaft belagert, konnte keinen Schritt mehr gehen, ohne dass ich angesprochen wurde. Wenn diese Menschen, die sich – fälschlicherweise – selber als 'Fans' bezeichneten, diese Fotos boykottieren würden, dann könnte mein Leben viel einfacher sein.
Aber Nein.
Sie gingen sogar noch viel weiter. Wenn es nach ihnen gehen würde, wären Kristen und ich nicht nur auf der Leinwand ein Paar. Ich hatte erfahren, dass es zahlreiche Petitionen dafür gab, dass wir auch offiziell ein Paar werden würden.
„Petition für die Liebe“ hieß eine von ihnen.
War ihnen tatsächlich nicht klar, dass sich Liebe nicht erzwingen ließ?
Ich hackte nicht oft auf meinen Fans herum, aber es hatte einfach ein Ausmaß angenommen, welches kaum zu ertragen war. Sie verloren den Bezug zur Wirklichkeit, hatten es geschafft, dass ich mich nur noch in der Öffentlichkeit aufhielt, wenn es absolut notwendig war. Ich wusste schon nicht mehr wie es war, entspannt durch die Innenstadt zu laufen, es war einfach zu lange her. Früher hatte ich für meine Fans angehalten, ihnen Autogramme geschrieben oder Foto mit ihnen gemacht. Heute tat ich das nicht mehr. Ich wusste, dass sie sich damit nicht zufrieden geben würden. Sie waren so realitätsfern, dass sie den Unterschied zwischen Illusion und Realität nicht mehr sahen.
Kristen und ich waren tatsächlich nur gute Freunde, zwischen uns bestand eine 'freundschaftliche Liebe'.
Und doch...
unseren Fans zuliebe hatten wir tatsächlich darüber nachgedacht, es miteinander zu versuchen. Vielleicht hätte sich ja etwas entwickeln können, mehr als nur Freundschaft. Kristen hatte sich das eher vorstellen können als ich und doch hatten wir damit begonnen auszutesten, wie gut wir harmonierten, ob diese Harmonie ebenso vollkommen war wie die, während der Drehs.
Doch dann hatte Tara das Treffen des Casts in Cannes organisiert, um ihrer Freundin einen Gefallen zu tun.
Alle hatten sofort zugesagt, nur ich hatte lange überlegen müssen, ob ich kommen würde. Taras Freundin war ein Twilight-Fan, soviel hatte sie mir verraten, woraus ich geschlossen hatte, dass auch ihre Freundinnen dieser 'kreischenden Spezies' angehören mussten.
Ich hatte bei Tara angerufen, um ihr abzusagen, hatte irgendwelche Termine vorschieben wollen, nur um nicht kommen zu müssen.
„Mein Lieber Rob, zufällig habe ich alle deine Termine koordiniert, sodass du kommen kannst. Also wirst du dich jetzt nicht drücken!“ Ich hatte versucht, ihr das auszureden, doch dann hatte sie etwas verkündet, was mich meine Meinung sofort revidieren ließ.
„Eigentlich wollte ich dich damit ja überraschen, aber wenn ich das richtig weiß, kommt sie auch.“
„Sie?“ hatte ich gefragt.
„EdCu.“
Bei dem Gedanken daran, wie ich mich gefühlt hatte, als ich das erfahren hatte, musste ich lächeln. Bekannte von mir hatten ein deutsches Forum gefunden und mehr durch Zufall hatte ich ihr Foto gesehen. Ich hatte gehört, dass sich in diesem Forum nur Fans aufhielten, die nicht der „kreischenden Spezies“ angehörten. Seitdem hatte ich gehofft, dass ich irgendwann die Möglichkeit haben würde, sie kennen zu lernen. Ich hatte herausgefunden, dass sie Neele hieß.
In Cannes war es dann soweit gewesen, sie war da gewesen, ich hatte sie sofort bemerkt.
Doch zu meiner großen Enttäuschung hatte sie keineswegs so auf mich reagiert, wie ich erwartet hatte.
Doch was hatte ich erwartet?
Natürlich doch, dass sie wie die anderen Fans, die mir bisher begegnet waren, kreischen würde. Oder dass sie auf mich zustürmen würde.
Nichts davon hatte sie getan. Im Gegenteil, sie hatte mich ignoriert. Während die anderen Mädels, zugegebenermaßen sehr ruhig und beherrscht, auf mich zugekommen waren und mich sofort belagert hatten, hatte sie einfach nur da gestanden. Es hatte den Anschein gehabt, dass sie den Moment auf sich hatte wirken lassen wollen.
Irgendwann hatten die anderen dann doch meine Aufmerksamkeit gefordert und ich hatte sie aus den Augen verloren.
Ich sah auf meine Uhr und dann auf den Becher mit dem inzwischen kalten Kaffee in meiner Hand.
Über zwei Stunden hatte ich auf der Bank gesessen und meinen Gedanken nachgehangen. Rasch schmiss ich den Kaffee in den nächsten Mülleimer und eilte in Richtung Set, ich wollte auf keinen Fall zu spät kommen. Während des Gehens las ich noch ein letztes Mal in meinem Drehbuch, versuchte mich für die nächste Szene in die richtige Stimmung zu versetzen. Noch am Morgen war ich voller Tatendrang, voller Entschlossenheit gewesen, möglicherweise hatte ich Neele sogar für einen winzigen Augenblick vergessen. Doch jetzt war sie wieder da, kontrollierte meine Gedanken. Ich vermisste sie, mehr denn je, ich wünschte, sie könnte mir jetzt zur Seite stehen.
Den Blick starr auf mein Drehbuch geheftet ging ich weiter, bis mir eine sehr vertraute Stimme ins Ohr fiel.
„ROB !!!“
Aber nein.
Das war unmöglich.
Jetzt hatte ich schon Halluzinationen.
Neele konnte unmöglich hier sein.
„ROOOOOOOOB!!!!“
Ich drehte meinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam.
Das, von dem ich glaubte, es zu sehen, musste Einbildung sein.
„ROOOOOOB!!!“
Sie schrie es wieder, ich sah ihr direkt in die Augen.
Und dann lief ich los.
Ich hatte nur Augen für sie, alles um mich herum war verschwommen. Ihre Lippen bewegten sich, plötzlich sah sie panisch aus. Warum? Weil ich auf sie zugelaufen kam?
Reifen quietschten, ich hörte ein Auto hupen. Bruchteile von Sekunden später spürte ich, wie mich etwas am Bein streifte, doch ich spürte keinen Schmerz, ich hatte nur mein Ziel vor Augen.
Sie.
Nun war auch sie losgelaufen, direkt auf mich zu. Endlos schien der Weg zwischen uns zu sein, eine nicht enden wollende Entfernung.
Dann, endlich, sprang sie in meine Arme. Ich fing sie auf, hielt sie fest.
Dann küsste ich sie, mit aller Leidenschaft, die in meinem Körper steckte. Der ganze Schmerz, den ich gespürt hatte in der Zeit ohne sie, meine ganze Liebe, alles sprang geradezu aus mir heraus.
Ich wünschte, dass der Kuss nie enden würde, nie wieder wollte ich sie loslassen.
Doch das Ende kam viel zu schnell.
Wir lösten uns voneinander, atmeten schwer und sahen uns einfach nur in die Augen. Ich wusste, dass wir viel zu bereden hatten und doch, das einzige was für mich zählte war die Tatsache, dass sie hier vor mir stand.
„Robert? Kommst du? Du bist dran!“ kam eine Stimme von Anderen Straßenseite.
„Ja, ich komme.“ rief ich zurück, widmete meine Aufmerksamkeit dann aber sofort wieder meiner Neele.
„Ich könnte dir jetzt tausende Worte sagen, die meine Gefühle nicht einmal annähernd ausdrücken würden. Und wie du siehst, würde die Zeit auch nicht reichen. Bist du noch da, wenn ich Drehschluss habe?“
Sie lächelte, nicht nur ihr Mund, auch ihre Augen lächelten.
„Ich werde immer da sein, nie mehr werde ich weggehen.“ sie senkte ihren Blick und ihre Wangen färbten sich rosa. Sanft fasste ich unter ihr Kinn und brachte sich so dazu, mich anzusehen.
„Nie wieder werde ich dich weggehen lassen.“
Wieder trafen sich unsere Lippen.
Jemand räusperte sich. „Hätte ich gewusst, dass das hier ausartet wie eine Seifenoper, wäre ich zu Hause geblieben.“ Gerade wollte ich etwas sagen, da wurde Kellan auch schon von Naischel gemaßregelt.
„Braucht da jemand mal wieder ein paar Tage Entzug?“
Neele und ich drehten gleichzeitig unsere Köpfe zu Kellan, der seine Freundin beinahe panisch anblickte.
„Ich glaube, das ist eine sehr gute Idee.“ Neele lachte neben mir, während Kellan mich böse anfunkelte. „Hätte ich sie bloß in LA gelassen.“ grummelte er.
Ich erwiderte nichts.
„Robert Pattinson, du bist dran!!!!“ rief die Assistentin erneut von der anderen Straßenseite.
„Kommst du ins Hotel? Nach Drehschluss?“
„Ich werde da sein.“ hauchte sie und drückte sie erneut an mich. Nie wieder wollte ich sie hergeben, viel zu schnell löste sie sich von mir. „Beeil dich, nicht, dass du wegen mir noch Ärger bekommst.“
„Nie im Leben, eher wird dir der Regisseur auf ewig dankbar sein und dir möglicherweise sogar noch eine Hauptrolle in einem Hollywoodfilm geben.“
„Wie bitte?“
„Egal, ich erkläre es dir später, Schatz.“
Einen letzten Kuss gab ich ihr zum Abschied, dann eilte ich zurück, um endlich die anstehenden Szenen zu drehen.
Das Wiedersehen mit Neele hatte mir solche Glücksgefühle beschert, dass die Dreharbeiten wie am Schnürchen liefen.
Alle waren erleichtert, dass ich offenbar zu meiner alten Form zurückgefunden hatte, noch wusste keiner, was der wahre Grund war.
Ich blieb nicht, um mit dem Rest des Teams den Abend ausklingen zu lassen, alles zog mich zum Hotel.
Ich spornte den Fahrer an, schneller zu fahren, rannte, im Hotel angekommen, die Treppen zu meinem Zimmer hoch, der Fahrstuhl war mir zu langsam.
Außer Atem kam ich vor meiner Zimmertür an...

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