"Wird's dir mit mir zu langweilig oder warum betrügst du mich jetzt mit dem nächst besten Typen, der dir über den Weg läuft? Meinst du wirklich ich wäre so dumm und wüsste nicht dass du gerade jetzt mit Tom im Bett liegst? Es ist vorbei, ich will dich nie wieder sehen“
Mir gingen diese Worte nicht mehr aus dem Kopf, immer und immer wieder sah ich sie vor meinem geistigen Auge vorbei ziehen, jedes Mal entstand ein neues Loch in meinem Herzen. Warum hatte er mir das angetan, warum? Wie konnte er nur glauben, dass ich ihn betrügen würde? Und dann auch noch mit Tom?
Er hätte mir vertrauen sollen, er hätte mir vertrauen können.
Niemals hätte ich ihm das antun können, es wäre mir nicht ein Mal in den Sinn gekommen. Seitdem ich ihn kannte, hatte sich mein Leben so grundlegend geändert, ich begehrte niemand anderen, fühlte mich so vollständig.
Ganz im Gegensatz zu jetzt.
Ich fühlte mich, als wäre ich entzwei gerissen worden. Ich wickelte mich mehr in meine Decke ein. Seit vier Stunden lag ich nun hier. Schlaflos, zwar tat ich so, als würde ich schlafen, ich wollte Naischel und Tom einfach nicht noch weiter beunruhigen, doch in Wahrheit war ich von Schlaf meilenweit entfernt. Mir war ein wenig schlecht, was vermutlich von den Unmengen an Alkohol kam, die ich zu mir genommen hatte. Ich war Tom so unendlich dankbar, dass er meinem Wunsch nicht nachgegeben hatte, ich hätte mir das nie verziehen, wenn ich ihm das angetan hätte. Ihnen. Tom. Und Rob.
* vier Wochen später *
Er schob mich vor sich in sein Hotelzimmer, kickte die Tür zu, ohne seinen Blick von mir abzuwenden. Wieder war ich verloren in seinen Augen, es blitzte in ihnen, als er seine Hände hinter meinen Kopf schob und diesen langsam zu sich heran zog. Er zögerte kurz, schien zu überlegen, ob er das richtige tat, bevor er seine Lippen auf die meinen presste. Es fühlte sich richtig an, sodass ich ohne nachzudenken meinen Mund für ihn öffnete. Seine Zunge umkreiste meine, wir hatten das Bett erreicht und er schob mich rücklings darauf. Ich ließ mich einfach fallen, in sein Bett, in seine Arme, in seine Berührungen. Vier lange Wochen hatte ich auf dieses Gefühl der Geborgenheit gewartet. Sanft fuhr er mit seiner Hand unter meinen Rücken und zog mit einigen Schwierigkeiten den Reißverschluss auf. Seine Hand war warm auf meiner Haut, ich genoss die Berührungen, machte jedoch keine Anstalten, selbst die Initiative zu ergreifen. Er nahm zärtlich meine Hand, führte sie unter sein Shirt und ließ sie seinen Körper erkunden. Ich spürte, wie sich seine Muskeln unter meiner Berührung anspannten. Als er für mich seine Hose öffnete und meine Hand seine Männlichkeit umschließen ließ, verspannte ich mich. Meine Hand hielt ich still und versuchte doch, mir nichts anmerken zu lassen. Ihm entging das natürlich nicht.
„Was ist los?“ fragte er flüsternd. Ich merkte, wie ich rot wurde, bemühte mich, ihn nicht anzusehen.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
Als ich nicht antwortete, legte er seine Hand unter mein Kinn und hob es hoch, sodass ich zu ihm aufblicken musste.
„Nein, es ist nur... ich weiß auch nicht... es fühlt sich nicht richtig an, vielleicht bin ich noch nicht so weit... es tut mir leid“ ich merkte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Ich zog meine Hand zurück und drehte mich von ihm weg. Sanft zog er mich zurück. Er verschränkte seine Arme vor meinem Bauch und hinderte mich so an einer Flucht. Doch an die war meinerseits sowieso nicht zu denken, denn die Tränen hatten ihren Weg nach draußen gefunden und brachten so meine Mauer der Verdrängung, die ich mir so mühsam aufgebaut hatte, langsam aber sicher zum Einsturz. So stark ich in den letzten Stunden gewesen war, desto schwächer fühlte ich mich nun.
„Scht...“ versuchte er mich zu beruhigen und – welch ein Wunder – er hatte Erfolg. Eine Weile lagen wir einfach nur so da, er hielt mich fest, mein Atem beruhigte sich langsam und auch die Tränen versiegten.
„Es tut mir leid.“ wiederholte ich.
Sanft streichelte er meinen Arm. „Das muss dir nicht leid tun, wirklich. Es ist okay.“
„Gib mir einfach ein wenig Zeit, ja? Halt mich nur fest und lass mich nicht los.“
„Werde ich nicht. Lass uns einfach den gemeinsamen Tag genießen, der gestern so schön begonnen hat.“
Und wie schön er begonnen hatte. Ich schmiegte mich enger an ihn, genoss seine Nähe und ließ die letzte Zeit Revue passieren.
* Flashback *
Die letzten Wochen hatte ich eher unbewusst erlebt. Naischel hatte mit Trace und seinen Jungs offenbar abgesprochen, dass ich keine Zeit zum Trübsal blasen bekommen sollte. Jeden Tag hatten sie etwas anderes geplant, nur im mich abzulenken. Meist zog ich mit Mason los, das war am einfachsten. Er versuchte nicht so krampfhaft mich aufzuheitern wie die anderen, sondern ließ es zu, dass ich einfach nur grübelte, nichts sagte. Und doch wusste ich, dass er da war. Und so hatte ich mein Leben gelebt, hatte gelernt, den Schmerz, zu verdrängen, sodass er mich nicht mehr auf jedem Schritt begleitete. Dafür prallte er mit voller Wucht jeden Abend auf mich, mit der Zeit hatte ich gelernt, dies rechtzeitig zu bemerken und dann so schnell wie nur möglich dafür zu sorgen, dass ich alleine war. Die Situation zwischen Naischel und mir hatte sich längst geklärt. Sie war immer für mich da, ich konnte mich auf sie verlassen und ich war mir beinahe sicher, dass es richtig war, dass sie mir nichts erzählt hatte. Ich hätte ihr vermutlich nicht geglaubt und so weniger von der schönen Zeit mit Tom verbringen können. Tom. Wir hatten zwei lange Wochen keinen Kontakt, inzwischen telefonierten wir einige Male in der Woche, doch es war nicht mehr wie früher. Wir beide gaben uns alle Mühe, damit es wieder so werden würde, wie es früher war, doch vielleicht war genau das das Problem. Wir klammerten das Bonn-Wochenende komplett aus unseren Gesprächen aus, so als wäre es nie passiert. Ich wünschte, es wäre so, ich wünschte mir, wir wären nie nach Deutschland zurückgekommen. Doch es war zu spät und ich musste damit Leben. Von Naischel wusste ich auch, dass Kellan mit Rob nur noch das nötigste sprach, Ashley sprach mit Rob überhaupt nicht mehr. Und das alles war meine Schuld, nur meinetwegen hatten sie sich gestritten. Ashley... Eine Weile hatte ich es mehr oder weniger erfolgreich geschafft, ihr aus dem Weg zu gehen, sie war ein wenig im Stress und hatte daher nicht sehr viel Zeit. Wir waren gemeinsam bei einem Spiel „ihrer“ Gators gewesen, sie hatte eine Menge Spaß, während ich mich eher deplaziert gefühlt hatte. An diesem Tag hatte sie beschlossen, ich müsse mehr unter Menschen kommen.
„Kellan, Naischel und ich feiern Halloween in Vegas...“
„Ja, und?“ ich hatte sie gefragt.
„Und? DU kommst natürlich mit!“ Ashley hatte gesprochen und an ihrer Entscheidung war nicht mehr zu rütteln. Sie hatte beschlossen, dass wir alle gemeinsam in Vegas Halloween feiern würden, also würde es auch so passieren. Nie hätte ich mir träumen lassen, was an diesem Abend passieren sollte... Einen Tag nach dem Spiel der Gators hatte ich einen Termin zum Vorstellungsgespräch in einer Apotheke in LA. Im Internet hatte ich das Stellenangebot gefunden und die Bewerbung eigentlich nur als „Alibi“ abgeschickt und war umso erstaunter, als ich einen Anruf und die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekam. Ich hatte in Deutschland eigentlich eine Ausbildung zur Pharmazeutisch-Technischen Assistentin beginnen wollen, also hatte ich mich über die Möglichkeiten in den USA informiert. Mein Abitur würde mir als ROP College Certificate anerkannt werden. Dank der Physik und Chemie LK's würde mir so ein Jahr College sparen können. Allerdings würde ich den pharmazeutischen Teil für mich alleine lernen und dann in diesem eine Prüfung ablegen müssen. Die Trennung von Rob hatte also auch einen Vorteil: Ich musste mir keine Sorgen mehr darüber machen, dass ich womöglich völlig auf mich allein gestellt den Stoff lernen musste, weil ich zu oft verreisen musste. Nun könnte ich auch, sollte es mir alleine nicht gelingen, das College besuchen oder mir dort zumindest Unterstützung holen. Obwohl ich keine Ausbildung hatte und, bis auf zwei Praktika, keinerlei Praxiserfahrung in der Apotheke hatte, wurde ich angenommen. Bis zum Ablegen meiner Prüfung würde ich lediglich Auslieferungen machen und doch war mein Verdienst alles andere als schlecht. Ich hatte zwar schon bemerkt, dass die Verdienstmöglichkeiten gerade im medizinischen Bereich in den USA im Gegensatz zu denen in Deutschland alles andere als schlecht waren, doch dass ich soviel verdienen würde, dass ich mir monatlich zwei Paar Jimmy Choos leisten konnte – dank Ashley hatte ich meine Liebe zu diesen entdeckt und rechnete nur noch in „Choo-Währung“ - hätte ich nicht gedacht. Und ich hatte einen Job, der mir sicherlich Spaß machen würde. Naischel und Kellan weigerten sich, auch nur einen Cent von mir anzunehmen. Kellan ließ bei dem Thema absolut den reichen Macho raushängen und Naischel bestätigte ihn darin auch noch. Ich hatte gleich mit der Arbeit anfangen können, meist fuhr ich in der Mittagszeit zu den Arzt-Praxen und den Patienten, sodass ich den Rest des Tages frei hatte. Da ich mir meine Zeit so sehr gut einteilen konnte, hatte ich beschlossen, mir meinen Traum vom – wirklich – eigenen Hund zu erfüllen. Ich hatte im Internet eine Familie ausfindig gemacht, die Parson Russel Terrier züchtete. Seitdem wir Artus hatten, war ich mir sicher, dass ich keine andere Rasse wollte. Und ich war mir sicher, dass ich eine Hündin wollte. Eine Lina. Wie es der Zufall wollte, hatte die Familie Miller noch genau eine Hündin abzugeben und ich verabredete sofort, dass ich vorbei kommen würde.
„Mason, bevor wir in den Zoo fahren, müssen wir nochmal im Pet Shop anhalten und dann etwas außerhalb.“ teilte ich Mason mit, der bereits an der Tür stand und auf mich wartete. „Häh? Wieso denn das?“ fragte er verwundert.„Erklär' ich dir im Auto, los jetzt, komm.“ ich lief los und ihm blieb nichts anderes übrig, als mir zu folgen. Mason fuhr selbst und auf der Fahrt teilte ich ihm wie versprochen meinen Entschluss mit.
„Hast du schon mit Naischel und Kellan gesprochen?“
„Ehm, nee, aber die werden schon nichts dagegen haben. Ich meine, Kellan hat seine Kola und Marlow ist auch oft genug bei uns.“
„Aber meinst du nicht, dass du das erst mit ihnen bereden solltest?“
„Doch, klar... ich rufe sie nachher an. Ich muss doch erst gucken, ob die Chemie stimmt.“
„Wenn du meinst... aber ich bin nicht Schuld, nur damit du's weißt. Alles auf deine Verantwortung.“ Ich musste lachen.
„Jaja.“ ich sah aus dem Fenster, „Oh, stopp, hier ist der Laden.“ Eine Stunde später stand ich mit einem kleinen Geschirr und einer Leine vor der Haustür der Millers. Ein wenig aufgeregt war ich dann doch, als ich klingelte und sofort mit Gebell begrüßt wurde. Parsons halt. Die Familie Miller war sehr freundlich und führte mich sofort ins Wohnzimmer, wo mir die kleine Bungee bereits angekündigt wurde. Zuerst sah ich … nichts, dann kam eine weiße Kanonenkugel auf mich zugeschossen und ich ging in die Hocke, um das kleine Engergiebündel zu begrüßen. Als sie mich ansprang und mir das Gesicht abschleckte war es um mich geschehen. Ich war verliebt und war mir sicher: Wir gehören zusammen. „Einen Moment bitte, ich muss mal kurz etwas erledigen.“ Ich holte mein Handy aus der Tasche und versuchte, ein Foto von der kleinen Bungee zu bekommen. Danach schickte ich das Foto an Naischel.
Es dauerte nicht lange, bis mein Handy klingelte.
„Hey.“
„Wer ist dieses süße Fellknäuel auf dem Foto?“
„Das ist Bungee... mir gefällt 'Lina' aber besser.“
„Warum sollte es mich interessieren, dass dir 'Lina' besser gefällt?“
„Sie steht hier gerade mit ihrem Spielzeug in der Hand vor mir und wedelt mit der Rute, sodass ihr ganzer Arsch wackelt.“
„Ja, na und?“
„Sie hat mich abgeschleckt...“
„Und?“
„Naischeeeeel....“
„Jaha?“
„Eigentlich habt ihr doch ganz schön viel Platz im Haus, oder?“
„Neele............“

„Ja, man. Ich brauche eine Beschäftigung, das habt ihr selber gesagt. Und ich vermisse Artus und überhaupt....“ vielleicht hätte ich doch vorher mit ihnen sprechen sollen?
„Warte kurz, ich rufe Kellan an.“ Dann hatte sie aufgelegt. Ich wusste nicht, ob sie mich zurückrufen würde und die nächsten 20 Minuten vergingen quälend langsam. Die Millers und Mason versuchten mich abzulenken und Lina – Bungee – war einfach zuckersüß. Ich erschrak ein wenig, als mein Handy klingelte und ich sah, dass Kellan mich anrief. Wollte Naischel mir nicht sagen, dass er etwas dagegen hatte?
„Wann kommt ihr?“ fragte Kellan, ohne mich überhaupt zu begrüßen.„Häh?“
„Na du und deine.... Lina...“ „Ich verstehe nicht...?“ „Na, Kola muss doch zuhause sein, wenn das Baby kommt...“ „Heißt das...?“ „Also, wann kommt ihr?“ „Ehm.... ich denke, also, ich muss das hier noch besprechen... aber prinzipiell sofort?“ ich blickte die Millers fragend an. Sie nickten.
„Gut, ich fahre dann jetzt auch los, die Familienzusammenführung müssen wir ja miterleben.“
„Du bist großartig, danke, danke, danke.“
„Jaja.“ grummelte er. „Bis später“
„Bis dann“ Mason war zwar nicht unbedingt begeistert, weil er mich durch die Gegend kutschieren musste, aber daran konnte ich auch nichts ändern. Ich klärte alles und nur eine Stunde später saß ich wieder neben Mason im Auto und hatte die kleine Lina auf dem Schoß. Wir hielten noch einmal im Pet Shop an um die Kleine auch vollends auszustatten. Mein nächstes Paar Jimmy Choos würde eben noch eine Weile warten müssen, der kleine Wurm war jetzt wichtiger. Als wir an Kellans Haus ankamen stand sein Wagen bereits in der Auffahrt. „So, kleine Maus, dann wirst du jetzt die Tante Kola kennenlernen.“ sagte ich leise und setzte sie auf dem Boden ab.

Naischel wartete schon in der Tür, sie hatte das Auto wohl bereits gehört. „Oh nein, die ist ja noch niedlicher als auf dem Foto.“ Kellan trat hinter sie.
„Na, da wird Kola aber sehr verliebt sein. Was meinst du, wollen wir sie sich gleich mal kennen lernen lassen?“
„Klar!“ antwortete ich, obwohl ich doch sehr aufgeregt war. Kola war viel größer, als Lina, sie würde sie einfach platt machen können. Wir gingen ins Wohnzimmer, wo Kola schon freudig mit der Rute wedelte.
„So meine Liebe, sei lieb zu der Kleinen hier, die zieht jetzt hier ein.“ mahnte Kellan seine Hündin. Er schien auch ein ganz wenig aufgeregt zu sein. Völlig unnötig, wie sich herausstellen sollte, denn die beiden verstanden sich auf Anhieb. Kola wusste sehr wohl mit der Kleinen umzugehen und sie in ihre Schranken zu verweisen, wenn sie gar zu aufmüpfig wurde, ganz ohne dabei grob zu werden.
„Na, das hat doch super geklappt. Was habe ich nur für einen tollen Hund.“ Kellan klang ganz wie der stolze Papa.
„Hey, meine ist auch nicht zu verachten.“ ich grinste, als Lina zu mir angetapst kam. Ich hob sie auf meinen Schoß und sie legte sich sofort hin. Spielen macht müde.
„Du hast sie nicht mal eine Stunde und schon verwöhnst du sie.“ schalt mich Kellan.
„Du bist ja nur neidisch, weil Kola nicht auf deinen Schoß passt.“
„Ach nein?“ er ging zu Kola, hob sie hoch, als ob sie nichts wiegen würde und setzte sich mit ihr auf dem Schoß wieder auf's Sofa.„Okay, ich nehme es zurück, sie passt darauf.“
In den nächsten Tagen spielte sich die Sache mit Lina immer mehr ein, oft genug nahm ich Kola eine kleine Runde mit. Und ich war stolz wie eine Mutter, dass Lina nur zwei Mal ins Haus pinkelte. Drei Tage vor Halloween kam Ashley vorbei und brachte unsere Outfits mit. Marlow und Lina passten hervorragend zusammen und hatten unglaublich viel Spaß.
Wenn Lina müde wurde, legte sich Marlow neben sie und passte auf sie auf. Wir hatten natürlich keinerlei Mitspracherecht bei unseren Outfits. Kellan würde als Batman gehen und Naischel natürlich als Batgirl, jedenfalls hatte sie das vorgehabt aber sie hatte ein noch besseres Outfit gefunden – sie würde als sexy Vampir gehen. Ashley hatte ein unglaublich sexy rotes Kleid mit schwarzer Spitze für sie ausgesucht. Dazu ein paar Flügel sowie schwarze, tierisch hohe Stiefel. Ich wagte zu bezweifeln, dass sich Kellan lange beherrschen könnte, wenn er sie mit diesem Ausschnitt sehen würde. Nachdem sie uns dieses Outfit gezeigt hatte, wurde mit ein wenig Angst und Bange bei dem Gedanken daran, was wohl in dem Kleidersack sein würde, der auf mich wartete und den Ashley gerade öffnete.
„Nein, Ash, bei aller Liebe, DAS ziehe ich nicht an!“ war meine erste Reaktion.
„Wow, endlich mal ein Lebenszeichen von dir. Hat man schon lange nicht mehr gehört, es sei denn, du sprichst mit Lina.“
„Verarsch mich nicht, ich meine das ernst.“
„Ich auch. Was gefällt dir daran nicht?“
„Willst du das wirklich wissen?“
„Klar.“
„Es gefällt mir nicht, dass du das alles über meinen Kopf hinweg entscheidest. Vielleicht will ich gar nicht nach Vegas?“
„Ach, das ist dein Problem. Das Thema hatten wir schonmal und es gibt keine Diskussion.“ „Hallo? Du hörst dich an wie meine Mutter!“
„Na, irgendjemand muss dich ja wachrütteln und auf dich aufpassen.“
„Hmpf.“
„Also, warum willst du das nicht tragen?“ kam sie auf ihre Ursprungsfra
ge zurück.„Es ist schön.“ Das war es wirklich. Ashley hatte ein schwarzes Kleid für mich ausgewählt, scheinbar sollte ich als Elfe gehen, das Kleid war kurz und schwarz und der Rock mir schwarzem Tüll umsäumt, der etwas ab stand und dem ganzen etwas märchenhaftes verlieh. Meine schlichten Ohrringe würden sicherlich gut dazu passen.
„Und wo ist dann dein Problem? Du wirst großartig aussehen.“
„Sicherlich nicht so wie du es dir gedacht hast.“
„Hm?“
„So“ ich deutete auf das Outfit „werde ich sicherlich nicht vor die Tür gehen. Ich ziehe mit Sicherheit keine Lederstiefen an!“
„Und ob du das wirst, sie passen einfach perfekt zu dir und dem Kleid.“ Ich musste meine Taktik ändern, so biss ich nur auf Granit.
„Oh Ashley... bitte, ich mag keine Stiefel. Zumindest nicht zu so einem Anlass und so einem Kleid.“ „Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?“
„Ich möchte einfach nicht...so aussehen...“
„Süße, du wirst super sexy aussehen.“
„Das ist es doch gerade, verdammt.“
„Neele, ehrlich, wir fliegen übermorgen nach Vegas und ich habe wirklich besseres zu tun, als jetzt zu diskutieren.“
„Bitte, dann halt nicht. Ich muss mit Lina raus.“ Die hatte ihren Namen bereits gehört und stand schwanzwedelnd vor mir.
Ashley hatte für die Hunde die Dogsitterin beauftragt, die sich immer um Marlow kümmerte, sodass wir uns um die Hunde keine Sorgen machen müssten, solange wir in Vegas waren. Sie verhielt sich mir gegenüber ganz normal, worüber ich sehr froh war. Da ich sowieso keine Lust auf die Halloween-Party hatte, wollte ich nicht auch noch Streit haben. Wir flogen einen Tag vor der Party nach Vegas und checkten im Hotel ein. Ashley hatte für mich alle möglichen Beauty-Termine vereinbart, sie war der Meinung, ich hätte mich gehen lassen. In Wahrheit war ich nur eine Weile nicht beim Friseur und im Nagelstudio gewesen, aber das interessierte sie nicht. An Halloween verbrachten Naischel und ich den ganzen Tag beim Stylisten, erst wurden wir frisiert, dann geschminkt. Anschließend verzogen wir uns auf unsere Zimmer und zogen uns um. Ich hatte die Abfahrt meines Taxis zum TAO extra so gelegt, dass ich nicht mit Ashley zusammenfahren müsste. Ich hoffte darauf, dass Ashley mir vor Publikum vielleicht nicht so eine Szene machen würde, wenn ich mit anderen Schuhen dort ankommen würde.
Und ich war fest entschlossen, keine Stiefel anzuziehen. No way. Ich hatte mich für meine neuen Jimmy Choos entschieden, die dringend eingetragen werden mussten. Sie gingen die Wade hoch, waren zartblau und hatten ein tigerähnliches Muster. Ich hatte sie gesehen und einfach kaufen müssen.Als ich vor dem TAO ankam, warteten die anderen bereits auf mich. Ashley und Kellan waren bereits dabei, gemeinsam vor der Wand zu posieren.
Zu meiner großen Überraschung wurde ich nicht nur von Naischel, sondern auch von dem breit grinsenden Trace begrüßt.
„Hey, ich dachte mir, ich leiste euch mal Gesellschaft.“
„Freut mich!“ ich lächelte, versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie unwohl ich mich eigentlich führte.
„Ladies, was haltet ihr von einem gemeinsamen Foto?“ Dass ich nicht viel davon hielt, interessierte leider niemanden.
Kaum hatten wir den Raum betreten, zog es die anderen zur Bar. Ich hatte mir nach dem Erlebnis in Bonn geschworen, keine Cocktails zu trinken und beschloss, mich erstmal ein wenig umzusehen. „Naischel?“ ich musste schreien, damit sie mich hörte. „Ich sehe mich mal ein wenig um, in Ordnung?“
„Oh, okay. Soll ich mitkommen?“ sie sah besorgt aus, ob ich nicht glaubwürdig wirkte? Ich setzte ein Lächeln auf.
„Quatsch, ich bin doch kein kleines Kind mehr. Mir geht’s gut, ich will mich nur umgucken, das ist alles.“ sie wirkte nicht überzeugt, ließ mich aber ziehen. Es war riesig, ich sah überall Menschen, die mir bekannt vorkamen. Kunststück, durch Ashley und Co. hatte ich mehr Menschen kennen gelernt, als in all den Jahren zuvor. Ich überlegte, ob ich mich ein wenig hinsetzen wollte, achtete nicht mehr darauf, wo ich hintrat und rannte prompt in einen Kerl hinein.
„Hola.“
„Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst, wo ich hingegangen bin, habe ich dir weh getan?“
„Nein, nein, ich habe auch nicht aufgepasst. Mich hat das Funkeln deiner Ohrringe abgelenkt.“ Normalerweise hätte ich das als dumme Anmache abgetan und wäre weitergelaufen, doch ich hatte nicht mit so etwas gerechnet. Dass ich auf so banale Weise daran erinnert werden würde, hatte ich nicht erwartet. An ihn. Er hatte mir diese Ohrringe geschenkt. Zu einer der Premieren. Sie sollen mit deinen Augen um die Wette strahlen, hatte er gesagt. Ich merkte, dass mir die Tränen in die Augen stiegen ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte.
„Hey, hab ich was falsches gesagt?“ fragte er besorgt.
„Nein, ich muss nur weiter. Sorry nochmal.“ ich lief los, es war mir egal, wo ich hinrannte, ich wollte einfach nur weg. Irgendwie hatte ich es geschafft, nach draußen zu gelangen.
„Warte doch mal.“ Der Typ von eben war hinter mir, rasch versuchte ich, die Tränen wegzuwischen – erfolglos.
„Es ist nicht alles in Ordnung, oder?“
„Ist egal.“
„Glaube ich nicht.“
„Was interessiert es dich? Ich erzähle nicht jedem meine Lebensgeschichte.“
„Und wenn es mich aber interessiert? Einfach so?“
„Das kann ich echt nicht, du kennst mich nicht, ich kenne dich nicht und es ist langweilig und es wird dich wirklich nicht interessieren.“
„Du machst mich neugierig...“
„Das solltest du nicht sein, es ist nichts Großartiges.“
„Wenn ich in deine Augen sehe, ist es etwas Großartiges.“
„War.“
„War?“
„Es war etwas großartiges, was vorbei ist. Aus und vorbei.“ Zum ersten Mal realisierte ich diese Worte wirklich. Machte mir klar, was sie bedeuteten. Vorbei. Für immer. Eine Träne lief meine Wange hinunter.
„Du frisst das in dich hinein, stimmt's? Du hast niemanden, mit dem du darüber reden kannst.“ „Ich habe Freunde.“
„Und mit denen redest du darüber?“
„Nein.“
„Lass mich raten... weil sie da mit drin stecken und du sie nicht belasten willst?“
„Hm...“ ich nickte zögerlich.
„Manchmal hilft es, wenn man mit einem Außenstehenden darüber redet.“
„Ach ja?“
„Ich bin ein guter Zuhörer... glaube ich...“ Ich wusste nicht, was es war, doch ich hatte das Gefühl, ihm Vertrauen zu können. Den Rest des Abends verbrachte ich mit ihm. Ich wusste nicht, wer er war und doch tat es gut, ihm alles zu erzählen. Er war wirklich ein guter Zuhörer, er unterbrach mich nicht, fragte nicht zu viel nach. Irgendwann drifteten wir ab, sprachen über andere Dinge, alltägliche Dinge. Ich blieb standhaft, trank keinen Alkohol, naja gut okay, bis auf zwei Gläser Sekt. Mal gingen wir nach draußen, dann wieder saßen wir an der Bar oder tanzten auf der Tanzfläche. Er brachte mich zum Lachen, machte mit Komplimente, der Abstand zwischen uns verringerte sich immer mehr. Als der Morgen anbrach begannen meine Füße zu schmerzen. Er merkte, dass ich mich nicht mehr ganz so flüssig bewegte, wie am Anfang.
„Willst du nach Hause?“ fragte er und begleitete mich von der Tanzfläche.
„Ich weiß nicht... ich vermute, dass die anderen wohl nicht mehr da sind, ich werde sie anrufen müssen, weil ich ehrlich gesagt nicht mal weiß, wo unser Hotel ist.“
„Das Leben ist in der letzten Zeit ziemlich an dir vorbei gegangen, oder?“
„Scheint so...“ musste ich zugeben.
„Du kannst sonst auch mit zu mir kommen... ich weiß, wo mein Hotel ist.“ er lächelte leicht. Ich dachte kurz nach. Mir war klar, auf was das hinauslaufen würde.
„Meinst du?“
„Klar...“ Er rief uns ein Taxi und half mir in den Wagen. Hand in Hand betraten wir sein Hotel und er holte sich an der Rezeption seine Zimmerkarte.
„Einen schönen guten Morgen wünsche ich ihnen, Mr. Wesley.“ Ich ließ mir die Worte des Pagen durch den Kopf gehen... Wesley.... Während der Fahrt nach oben sah er mir in die Augen, ich war unfähig wegzusehen, während mein Hirn weiter arbeitete... Wesley... Als wir angekommen waren, wollte er mich aus dem Fahrstuhl schieben, doch ich hielt ihn zurück. „Du bist nicht Paul Wesley, oder?“ fragte ich.„Kommt hin.“ war seine einzige Antwort. Er schob mich vor sich her.... Paul Wesley... Und ich dachte, ich hätte jemanden kennen gelernt, der mir keine Probleme machen würde.

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