Mir wäre es wirklich lieber gewesen, ich hätte mich weiterhin an nichts erinnern können. Doch als ich aufstand, um duschen zu gehen, überfluteten mich die Erinnerungen. Jedes kleinste Detail war wieder da. Jeden einzelnen Wodka spürte ich wieder in mir, jeden Beat der Musik. Und jenes Knistern, als meine Lippen kurz davor waren, die von Matt Lanter zu berühren. Oh mein Gott, nicht nur, dass ich überhaupt jemanden hatte küssen wollen. Es war Matt Lanter gewesen. Ich schlug die Hände vor mein Gesicht als hoffte ich, so die Erinnerungen zurückhalten zu können, wieder vergessen zu machen.
„Scheiße.“ entfuhr es mir.
„Was ist?“ Tom hörte sich besorgt an.
„Vorhin war alles weg, ich konnte mich an die letzten Stunden nicht erinnern, jetzt ist alles wieder da. Oh mein Gott, es tut mir so leid Tom“.
„Ich weiß zwar nicht was genau vorgefallen ist, aber ich bin froh dass du da bist, dass du zu mir gekommen bist, er ist ein Idiot und er wird schon noch merken, was er an dir hat“
Ich musste schlucken, ich merkte, wie die Tränen in mir hochstiegen und doch unterdrückte ich krampfhaft ein Schluchzen. Tom schien zu merken, was in mir vorging. Er klopfte auf den freien Platz neben ihm. Ich zögerte kurz, dann ging ich zu ihm zurück. Er sah mich beinahe erwartungsvoll an. Ich wusste, dass ich ihm versprochen hatte, alles zu erklären.
„Also...“ begann ich zu erzählen. Irgendwann gelang es mir nicht mehr, die Tränen zurückzuhalten. Tom hielt meine Hand, er unterbrach mich nicht mit Einwürfen als wüsste er, wie gut es tat, sich das ganze einmal von der Seele zu reden.
„Jetzt bist du ja erstmal hier“, tröstete ich er mich.
„Denkst du er meldet sich bei mir?“
„Um ehrlich zu sein, nein, ich hab vorhin mit ihm gesprochen“
„Du hast WAS??“, das konnte doch nicht sein ernst sein.
„Ja aber es kam nichts dabei heraus, du hast Recht, er ist ein Idiot“ war das einzige, was er sagte. Gerade wollte ich ihn fragen, was er denn gesagt hatte, als es klopfte und Naischel hereinkam.
„Frühstück ist da, wenn ihr Hunger habt“
„Wir kommen gleich“, antwortete Tom. „Komm lass uns was Essen, dann machst du dich fertig und wir gucken uns noch ein bisschen las Vegas an, ja?“
„Okay“, ich seufzte.
„Du bist nicht alleine, ich werde für dich da sein. Ich mag dich wirklich sehr Neele. Was machst du nächstes Wochenende?“
Was sollte das denn jetzt?
„Ähm keine Ahnung…warum?“
„Ich bin nächstes Wochenende in Deutschland bei so einer Convention, hast du nicht Lust mich zu begleiten?“
„Ist das dein Ernst? Was ist mit …“ ich dachte an seine Freundin, ihren Namen hatte ich vergessen.
„Sie langweilen solche Dinge immer“, er zuckte mit den Achseln.
„Ähm okay….“, ich strahlte. Wie toll würde es sein, mal wieder nach Deutschland zu kommen und dann auch noch mit Tom.
Den Tag verbrachten wir in der City von Vegas. Am späten Nachmittag trennten sich unsere Wege. Naischel und ich machten uns gemeinsam für Tom's Party fertig. Als wir nach Stunden endlich draußen vorm Hotel standen, wartete schon eine schwarze Strechlimo auf uns. Innerlich musste ich lächeln, wenn man schon in einem Club wie dem „Privé“ feierte, dann konnte man seine Gäste natürlich nicht im Taxi vorfahren lassen. Die Fahrt zum Club dauerte nicht lange und dort angekommen, wurden wir sofort von einem von Tom's Bodyguards begrüßt, der uns hinein begleitete. Tom war gerade dabei, einige Geschenke auszupacken, als mir schlecht wurde. Entsetzt drehte ich mich zu Naischel um.
„Scheiße.“ Sie blickte mich fragend an. „Ich habe kein Geschenk für Tom. Verdammt, was bin ich denn für eine Freundin? Er reißt sich für mich den Arsch auf, ist immer für mich da und dann vergesse ich, ihm ein Geschenk mitzubringen? Das darf doch wohl nicht wahr sein.“Naischel lächelte beruhigend. „Du hattest doch zu viele andere Sachen um die Ohren, ich dachte mir, dass ihm eine große Geburtstagstorte sicher gefallen würde, meinst du nicht?“ sie grinste breit und nickte Mike zu, dem Bodyguard, der gerade mit einem riesigen Karton aus einer Tür mir gegenüber heraustrat.
„Oh, du bist die Beste. Die beste Freundin, die man sich nur wünschen kann.“ rief ich aus und fiel ihr um den Arm.
„Ja ja, schon gut, bevor du mich erdrückst, sollten wir Tom vielleicht mal sein Geschenk geben“
„Ja, klar.“
Wie Naischel richtig erraten hatte, freute er sich natürlich über seine Torte. Er umarmte uns beide und zog uns schon kurz danach auf die Tanzfläche. Da ich an diesem Abend keinen Alkohol zu mir genommen hatte – und das auch nicht vorhatte -, war ich in dementsprechender Laune, was das Tanzen anging. Ich tanzte wirklich für mein Leben gern, aber eben nur, wenn mich der Alkohol ein wenig gelockert hatte. Ansonsten dachte ich zu viel über die Bewegungen nach, die ich machte, oder darüber, wie es denn wohl aussehen würde. Naischel und Tom amüsierten sich köstlich, es wunderte mich sehr, dass er sich so gar nicht um seine anderen Gäste kümmerte, doch ihm schien es nichts auszumachen. Nicht nur über meine Bewegungen dachte ich nach, sondern auch darüber, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Es lag nicht an Naischels Idee, nicht nur zumindest, dessen war ich mir inzwischen bewusst. Ich seufzte, beim Tanzen konnte ich doch nicht so gut nachdenken, wie ich gedacht hatte.
„Ehm, entschuldigt ihr mich einen Moment? Meine Füße tun echt weh.“ ich sah nach unten. Naischel und Tom grinsten.
„Kein Problem, soll ich mitkommen?“ bot Naischel an, doch man konnte ihr ansehen, dass sie lieber auf der Tanzfläche geblieben wäre. Und wenn ich ehrlich war, dann war mir das auch lieber.
„Ach was, amüsiert ihr euch hier. Ich komme später wieder.“
Ich setzte mich in die Lounge, suchte mir dort einen Platz in einer Ecke auf einem bequemen Sofa. Als der Kellner an mir vorbeikam, bestellte ich mir ein Wasser, ich wollte schließlich meinen Prinzipien treu bleiben, außerdem brauchte ich zum Nachdenken definitiv einen klaren Kopf. Ich versuchte, meinen Gedanken von vorher wieder aufzunehmen, wurde jedoch vom Kellner unterbrochen, der mir mein Wasser brachte. Ich bedankte mich bei ihm, hatte dann endlich meinen Gedanken wieder gefunden. Wie hatte es überhaupt zu einem solchen Streit kommen können, dazu, dass wir uns nicht einmal zugehört hatten? Ich hatte das Gefühl, dass wir ab und zu einfach vollkommen aneinander vorbeiredeten. Und wenn wir stritten, war der Grund entweder Kristen, oder es war mein Verhalten. Ich musste zugeben, dass Naischel und ich wirklich oft über die Stränge schlugen und unsere Männer damit nicht selten in Schwierigkeiten brachten, aber konnte es nicht daran liegen, dass wir nichts mit uns anzufangen wussten? Wie lief mein Leben denn ab, ich wachte morgens gemeinsam mit Rob auf, dann ging er zum Set und ich schlief meistens bis zum Mittag. Den Nachmittag verbrachte ich mit Naischel, oft genug gingen wir beide uns dann so auf die Nerven, dass wir uns dann auch noch in den Haaren hatten. Zwar dauerte das meist nicht lange an, wir stritten nie wirklich, es waren meist nur kleine Meinungsverschiedenheiten, aber dennoch hockten wir alle irgendwie zu viel zusammen. Und wenn Rob dann abends nach Hause kam, redeten wir auch meistens nur über den Drehtag. Prinzipiell änderte das nichts an unserer Beziehung, ich liebte ihn, nichts könnte das ändern und doch, praktisch, war es doch immer dasselbe. Genauso stellte ich mir das Leben, eines 'alten Ehepaares' vor.
Der Ehemann kommt nach Hause und wartet am gedeckten Esstisch, dass die Ehefrau das Essen serviert. Wenn das geschehen ist, setzt sie sich ihm gegenüber.
„Und, wie war dein Tag, Liebling?“ fragt sie, fast Interesse heuchelnd. Vielleicht hatte sie früher wirklich Interesse.
„Oh, das Übliche. Gerald hat einen neuen Auftrag an Land gezogen. Und es sieht so aus, als ob wir uns von Phil trennen müssen, er leistet sich in letzter Zeit einfach Dinge, die untragbar sind.“
„Oh, das tut mir leid, mit Phil. Aber das mit Gerald ist doch großartig, freut mich.“ Sie macht einen bekümmerten Gesichtsausdruck. Vielleicht war sie früher wirklich bekümmert, mitfühlend, hat sich gefreut.
„Und wie war dein Tag?“
„Claire war hier, wir haben gemeinsam die Fenster geputzt. Es war ein netter Nachmittag.“
„Das ist doch schön.“ Vielleicht fand er das früher wirklich.
„Ja, oh, und die Kinder haben angerufen, sie werden am nächsten Wochenende nicht kommen können.“
„Oh.“
Dann Schweigen.
Natürlich waren wir noch lange nicht an so einem Punkt. Rob und ich hatten uns einiges zu erzählen. Oder nicht? Die Vorstellung, dass ein gemeinsamer Abend irgendwann so enden würde, machte mir Angst.
Eine Weile saß ich einfach nur da, hing meinen Gedanken nach.
„Gar nicht am Tanzen, junge Frau?“ flüsterte plötzlich jemand neben meinem Ohr. Ich versuchte mir einzureden, dass ich träumte. Es konnte nicht wahr sein.„Es tut mir leid.“ und das war noch unwahrscheinlicher, dass aus diesem Mund, wirklich so etwas kommen würde. Als sich dann aber zwei mir unglaublich bekannte Hände unter mein Kinn schoben und langsam meinen Kopf drehten, schwankte meine Überzeugung. Ich schloss die Augen unter der Berührung und glaubte dann doch wieder an einen Traum. Ich spürte einen Atem an meinem Mund, dann zwei unglaublich sanfte Lippen, die sich auf die meinen legten, war ich mir sicher, dass es kein Traum war. So etwas konnte ich nicht träumen. Ich zögerte, dann hob ich meine Arme hoch, tastete vorsichtig, noch immer mit geschlossenen Augen, nach dem Hals, den ich suchte. Als ich ihn gefunden hatte, schob ich meine Hände zielstrebig in die von mir so geliebten Haare. Lippen zogen sich zurück.
„Willst du mich nicht ansehen?“ flüsterte er leise.
„Nachher träume ich doch...“ murmelte ich und überbrückte die Lücke, die er zwischen unseren Mündern hatte entstehen lassen. Wieder trafen sich unsere Lippen, keiner von uns ließ seine Zunge um Einlass bitten, wir genossen nur den Moment, bis er sich erneut zurückzog.
„Kannst du mich jetzt ansehen? Oder hast du immer noch Angst, dass ich dann verschwinde?“
Zögernd öffnete ich erst das eine, dann das andere Auge. Tatsächlich, er stand vor mir.
Er.
Mein Robert.
Mein Freund.
Meine große Liebe.
Und der Vater meines imaginären Kindes, mit dem ich eigentlich zerstritten war, wie mir jetzt wieder einfiel.
„Was machst du hier?“ meine Stimme passte nicht zu der eigentlich so romantischen Situation, der Situation, in der sich zwei sich liebende Menschen wieder sehen. „Seit wann kannst du wieder normal mit mir reden?“ Okay, jetzt hatte ich die romantische Situation definitiv zerstört, denn wie ich – leider zu spät – merkte, hatte das schärfer geklungen, als ich es eigentlich geplant hatte. „Tut mir leid.“ fügte ich noch hinzu. In der Hoffnung, dass ich damit noch irgendetwas retten könnte.
„Ich wollte zu dir. Ich vermisse dich. Und... Kellan hat mir den Kopf gewaschen.“
Kellan? Hatte Naischel deshalb heute Morgen am Telefon mit ihm gestritten?
„Was ist, hast du dazu nichts zu sagen?“
„Ich... ich weiß nicht. Doch, schon. Aber....“ stammelte ich herum. „Vielleicht... ist das hier einfach nicht der richtige Ort.
„Da könntest du Recht haben...“
Ich dachte einen Moment nach.
„Wartest du kurz hier?“ er sah mich verdutzt an, nickte aber.
Ich stand auf und ging mit raschen Schritten in Richtung Tanzfläche, währenddessen hielt ich bereits Ausschau nach Naischel und Tom. Ich fand sie, wie könnte es auch anders sein, direkt in deren Mitte.
„Naischel, Tom?“
„Hey, wo warst du denn so lange?“ Tom wollte mich in ihre Mitte ziehen, doch ich blockte ab.
„Ich... Rob ist hier.“ gestand ich und beide sahen mich mehr oder minder geschockt an. Naischel schien eher positiv gestimmt zu sein, während Tom's Gesichtsausdruck immer grimmiger wurde.
„Wo ist er?“
„Was...?“ fragte ich.
„Ich glaube, ich muss mal mit ihm reden.“ seinem Blick nach zu urteilen, war „Reden“ wohl das falsche Wort.
„Nein, ich... ich möchte mit ihm reden. Aber... nicht hier.“
„Süße, das verstehen wir natürlich, oder, Tom?“ Naischel sah ihn an. „Oder, Tom?“ fügte sie eine Spur schärfer hinzu. Ich sah unsicher von einem zum anderen.
„Geh nur, ich passe schon auf unseren Tom hier auf.“
Als ich immer noch keine Anstalten machte, zurückzugehen, stieß sie mich an. „Los jetzt, mach schon.“
Ich seufzte, umarmte die beiden und ging dann zurück zu Rob.
„Kommst du mit?“ fragte ich ihn.
„Wohin denn?“
„Ich dachte, wir könnten uns irgendwo hinsetzen und einfach... ein bisschen reden? Irgendwo hin, wo es etwas... nun ja, neutral ist?“
„Ganz wie du willst.“ er lächelte mich schief an. Nahm er das ganze wirklich nicht so ernst? „Wo möchtest du denn hin?“
„Ich weiß nicht... vielleicht in die 'V-Bar'?“ Er nickte nur und so gingen wir gemeinsam zum Ausgang, wo bereits einige Taxen standen. Als wir dort ankamen, sah es allerdings eher nach einer Disco aus, daran hätte ich wohl denken sollen, schließlich war in Las Vegas jetzt 'Late Night Time', also nichts mehr mit gemütlich in einer Bar sitzen. Ich drehte mich zu ihm.
„Ich glaube, mit einem neutralen Ort wird das heute nichts mehr... Ist es in Ordnung, wenn wir in mein Hotelzimmer gehen?“
„Warum sollte das nicht in Ordnung sein?“
„Ich dachte einfach, dass etwas Neutrales besser wäre. Aber gut. Dann einmal zum Bellagio, bitte.“ fügte ich zum Taxifahrer gewandt hinzu und ließ mich wieder in den Sitz sinken.
In meinem Hotelzimmer angekommen, ging Rob ins Badezimmer, während ich unschlüssig herumstand. Schließlich beschloss ich, mir mein unbequemes Outfit auszuziehen. Ich schlüpfte in meine schwarze Jogginghose und meinen beigen Hoodie und setzte mich dann mit meiner geliebten grünen Fleecedecke auf mein Bett. Mein rotes Lieblingskissen packte ich mir in den Schoß, ich brauchte einfach etwas Halt.
Rob kam aus dem Badezimmer und sah mich verwundert an. Ich tippte auf die freie Stelle im Bett, mit gegenüber.
„Also...“ begann ich, als er sich hingesetzt hatte.
„Also...“ stimmte er zu. Dann schwiegen wir beide. Ich seufzte, ergriff dann aber das Wort.
„Meinst du nicht, dass wir über das, was vorgefallen ist, noch mal reden sollten?“
„Doch, das denke ich natürlich.“
„Na, dann. Ich glaube einfach nicht, dass das mit einem einfachen „tut mir leid“ getan ist. Weder von meiner, noch von deiner Seite. Ich finde, dass wir so nicht weitermachen können.“
„Was soll das heißen?“ bestürzt sah er mich an. „Bedeutet das, dass du dich...?“
„Nein, das bedeutet es nicht. Aber findest du nicht auch, dass irgendetwas schief läuft? Wir reden so oft aneinander vorbei. Gerade die Sache jetzt mit der Presse hat mir das wieder gezeigt. Du lässt es mich nicht mal erklären.“
„Natürlich merke ich das. Und es tut mir leid, ich habe so komplett überreagiert, dass es eigentlich schon nicht mehr zu verzeihen ist. Meine Managerin hat mir die Hölle heiß gemacht und ich habe es an dir ausgelassen. Das war nicht richtig.“
„Ach Rob, mein Verhalten war ja auch nicht unbedingt richtig, ich hätte dir das ganze sofort erklären müssen, als ich die Schlagzeilen gelesen habe. Das weiß ich ja auch. Aber genau das meine ich. Wir beide reagieren nicht richtig, aber geraten bei jeder Kleinigkeit aneinander. Wir hocken immer alle aufeinander. Du und ich, Naischel, Kellan, der Cast.“
„Aber ich dachte, das ist es, was dir so gut gefällt?“
„Natürlich gefällt es mir. Ich möchte jede Minute mit dir verbringen. Ich liebe dich. Und Naischel ist meine beste Freundin. Der Cast ist großartig, es ist toll, etwas mit ihnen zu unternehmen, aber irgendwie...“ ich brach ab. Wie sollte ich ihm das bloß erklären? Ich wollte ihn doch nicht verletzen. Warum musste das auch alles so schwer sein?
„Bist du nicht glücklich?“
„Darum geht es doch gar nicht. Natürlich bin ich glücklich. In gewisser Weise.“
„Also nein...“ er machte ein trauriges Gesicht, was mir unglaublich weh tat.
„Bitte, mach es mir doch nicht so schwer. Natürlich bin ich glücklich. Es ist nur... es ist nicht meine Welt. Du kennst das ganze Geschäft, es ist dein Job. Ich bin da einfach so herein geraten, ich hatte Pläne, wollte etwas erreichen. Aber eigentlich sitze ich doch immer nur im Hotelzimmer und warte darauf, dass du nach Hause kommst. Oder ich starte irgendeine sinnlose Aktion mit Naischel, die sowieso nach hinten losgeht. Ich gebe dein Geld aus und tue nichts dafür. Ich lebe ein Leben, das ich mir nie erträumt habe, welches ich ehrlich gesagt auch nie erleben wollte. Ich wollte selbstständig sein. Und jetzt komm nicht mit 'ich habe doch genug Geld für uns zwei'.“
Er lächelte, was mir zeigte, dass er eben genau dies hatte sagen wollen. Gerade wollte er etwas erwidern, als ich noch etwas hinzufügte.
„Ich habe einfach Angst. Angst vor der Zukunft. Angst davor, dass sich das, was zwischen uns ist, irgendwann verändern könnte. Weil wir eben alle immer nur aufeinander hocken. Wir leben zwar ein gemeinsames Leben, aber eigentlich sollten wir unsere beiden Leben miteinander verbinden, oder nicht?“
„Aber du musst doch keine Angst haben. Ich wusste nicht, dass es dir so geht, du redest darüber ja nicht.“
„Aber sei doch mal ehrlich, haben wir denn die Zeit dazu? Oder die Gelegenheit?“
Er dachte nach, antwortete nicht.
„Siehst du, genau das meine ich. Wir leben ein Leben. Aber ist das alles richtig so, wie es ist?“
„Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Zumindest Teile davon. Ich verstehe so viel, dass wir irgendetwas ändern müssen.“
„Ich dachte...“ ich brach ab, wusste nicht, wie er reagieren würde.
„Ja?“ er nahm meine Hand in seine.
„Na ja... ich könnte mir vielleicht einen Job suchen. Dann hätte ich etwas zu tun und ich würde mein eigenes Geld verdienen.“
„Was soll denn der Quatsch mit dem Geld? Du musst kein Geld verdienen. Ich kann schon für uns sorgen.“
„Vielleicht kannst du das, aber ich möchte selbstständig sein. Geld hat doch auch etwas mit Selbstwertgefühl zu tun.“
„Aber auch ohne Geld bist du etwas wert. Für mich bist du mehr wert als alles Geld der Welt, als alles andere.“
„Danke. Aber darum geht es mir doch nicht.“
„Aber warum willst du denn selbstständig sein?“
„Ist das nicht der Wunsch eines jeden Menschen, dass er selbstständig ist? Man weiß doch nie, was die Zukunft bringt.“
„Glaubst du denn nicht an eine gemeinsame Zukunft?“
„Verdreh doch nicht meine Worte. Alles was ich sagen will ist, dass die Zukunft immer ungewiss ist. Ich möchte nicht daran denken, aber was ist denn, wenn etwas passiert, was es uns beiden unmöglich macht, zusammen zu sein? Wenn mir etwas passiert, ich einen Unfall habe und nicht mehr dieselbe bin? Anderen Menschen zu Last falle? Willst du dann für den Rest meines Lebens zahlen?“
„Neele, du bist 19 Jahre alt und du bist gesund. Warum machst du dir darüber Gedanken? Warum gerade jetzt?“
„Weil es jederzeit passieren kann, Rob. Immer und überall. Ich mache mir darüber nicht viele Gedanken, ich möchte mein Leben jetzt leben. Jetzt und hier. Aber zumindest für einen gewissen Teil möchte ich abgesichert sein. Kannst du das nicht verstehen?“
„Ehrlich gesagt nicht. Aber wir haben noch genug Zeit, darüber zu reden, uns zu verstehen. Wenn es dir so wichtig ist, kann ich versuchen, dir einen Job beim Set zu besorgen.“
„Hast du mir nicht zugehört? Wir alle hocken immer nur aufeinander, wir haben doch gar kein eigenes Leben mehr. Ich möchte nicht, dass wir uns wegen so etwas kaputtmachen. Wenn ich bei euch am Set arbeiten würde, dann wäre es doch das gleiche. Nein, es wäre vermutlich noch viel schlimmer, weil Kristen und ich uns jeden Tag sehen würden. Meinst du, dass würde das ganze einfacher machen?“
„Aber was willst du denn dann machen?“
„Ich weiß es doch auch nicht, ich muss mich informieren. Es gibt eine Reihe von Dingen, die ich mir in Deutschland vorstellen könnte. Ich weiß nicht, wie es hier ist. Aber das werde ich herausfinden.“
„Ich bin davon nicht überzeugt...“
„Das musst du ja auch nicht sofort sein. Ich werde das schon machen. Ich habe es dir erklärt und du hast zugehört. Das reicht mir. Für's erste.“ ich grinste ihn an.
„Ich könnte mir jetzt auch durchaus andere Möglichkeiten vorstellen, unser Wiedersehen zu feiern.“
„Ohhh ja..“
Ich zog ihn zu mir und küsste ihn stürmisch. Seine Hände hatten sich bereits unter meinen Pullover geschoben. Während er mir diesen über den Kopf streifte, war ich bereits dabei, ihm die Hose zu öffnen. Auch sein unmögliches graues Lieblings-Shirt mit dem Wodka-Aufdruck auf der Vorderseite hatte keine Möglichkeit, an ihm zu bleiben. - Nein, ich hatte es nicht geschafft, es aus seinem Kleiderschrank zu verbannen. NOCH nicht. - Es dauerte nicht lange, da lagen alle unsere Kleidungsstücke im Zimmer verstreut. Wir verbrachten nicht all zu viel Zeit mit einem Vorspiel. Es war zwar da, doch fanden wir beide den Hauptteil um einiges interessanter. Nach unserer Vereinigung lagen wir eng umschlungen im Bett, eigentlich war ich müde, doch ich schaffte es nicht, einzuschlafen. Rob schien das zu merken. Ganz leise begann er, 'Never think' für mich zu singen. Leise. Meine eigene Version. Und so glitt ich in einen sanften Schlaf, eng umschlungen in seinen Armen liegend. Er begleitete mich in meinen Träumen.
Am nächsten Morgen stand ich leise auf und setzte mich an meinen Laptop. Robert lag noch quer im Bett und schlief. Selbst im Schlaf war er unglaublich... sexy... und obwohl er das sicherlich nicht hören wollte, süß. Und wie.
Ich wartete, bis die Internetverbindung hergestellt war und öffnete dann Google. Ich hatte eigentlich keinerlei Ahnung, nach was ich suchte. Nach einem Job. Natürlich. Als ich noch in Deutschland war, hatte ich zwei mögliche Richtungen gehabt, die ich unglaublich gerne miteinander verbinden wollte. Pharmazie und Jura. Ob das möglich war? Und dann noch in den USA? Mit eigentlich ständig wechselnden Wohnorten? Ich wagte nicht mal zu hoffen und doch tippte ich die beiden Begriffe ein. 'pharmacy' und 'law'.
Die ersten Ergebnisse waren wenig viel versprechend. Gerade wollte ich den Laptop frustiert zuklappen, als mein Blick auf das letzte Ergebnis dieser Seite fiel. Es war ein Stellenangebot.
Ich öffnete die Seite und begann zu lesen.
Pharmakonzern
Rechtsabteilung
Assistentin des Managements
Berufserfahrung keine Bedingung
Möglichkeit der Arbeit von zu Hause
Das alles klang zu schön um wahr zu sein. Ich hörte, wie es im Bett raschelte. Rasch speicherte ich die Seite. Ich musste sie unbedingt Naischel zeigen, vielleicht würde die mir etwas raten können.
„Du bist schon wach?“ murmelte Rob verschlafen.
„Kann ja nicht jeder so eine Schlafmütze sein wie du.“ lachte ich und ging zum Bett, um ihm einen Kuss zu geben. „Was hältst du von einer gemeinsamen Dusche?“
„Sehr viel.“
Eine Stunde später saßen wir gemeinsam im Restaurant und warteten auf Naischel. Zu meiner großen Überraschung hatte sie Tom mitgebracht.
„Neele, können wir mal kurz reden?“ fragte dieser und sah mich viel sagend an. Mich konnte heute nichts aus der Ruhe bringen.
„Ja, klar.“ ich gab Rob einen flüchtigen Kuss, umarmte Naischel und ging dann hinter Tom her ins Foyer.
„Also, was ist jetzt mit euch?“
„Was soll sein?“
„Habt ihr geredet? Hat dieses Arschloch es eingesehen?“
„Tom, bitte... nenn ihn nicht Arschloch. Wir haben geredet. Ziemlich lange. Es ist geklärt, wirklich. Und vielleicht hat dein Telefonat mit ihm ja auch etwas dazu beigetragen.“
„Ich hoffe es. Aber... bleibt es trotzdem dabei, dass du mit zur Ring*Con fährst?“
„Natürlich, warum sollte sich daran etwas geändert haben?“
„Ich weiß nicht. Ich dachte vielleicht, weil du jetzt mit Rob...“
„Glaubst du, du wärst so etwas wie ein Lückenbüßer? Spinnst du? Natürlich komme ich mit.“
„Das freut mich. Wirklich. Naischel übrigens auch.“
„Höh?“
„Ich habe sie gefragt, weil Kellan doch auch hinfährt. Er kann jetzt aber doch nicht. Also kommt sie jetzt mit uns mit. Sie wollte dich sowieso fragen, ob du nicht mit ihr fahren möchtest.“
„Oh. In Ordnung.“ Ich hatte mich in den letzten beiden Tagen mehr um mich gekümmert, als um alle anderen. Ich musste unbedingt mit Naischel sprechen...

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