Tara Pov
Ich war nahezu geschockt. Nahezu geschockt davon, dass sich bei der Premiere wohl ein GZSZ-würdiges Drama abgespielt hatte, davon, dass ich es nicht hatte verhindern können und auch davon, dass hier wohl keiner mehr so ganz richtig von falsch unterscheiden konnte. Verdammte Lungenentzündung, hätte ich nicht ein Krankenhausbett hüten müssen, wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen. Aber alles Jammern half jetzt nichts mehr, und ich war auf einer Mission. Ashley's Anrufe und sms hätten von Terror-Meldungen des Pentagon nicht übertroffen werden können. Ich wußte zwar noch nicht richtig, was ich von der ganzen Sache halten sollte, aber wie immer hatte ich nicht nein sagen können, wenn meine Freunde der Meinung waren, ich könnte vielleicht wenigstens ein bißchen Licht ins Dunkel bringen. Oft hatte es in der Vergangenheit geholfen, wenn ich einfach mal die Perspektiven gerade rückte und Leute dazu brachte, die Dinge auch mal aus dem Blickwinkel der anderen „Partei“ zu sehen. „Toll Tara“, hatte Ryan mitleidig angemerkt, als er mich zum Flughafen in Washington gebracht hatte, „Jetzt musst du gleichzeitig Beziehungen, Freundschaften und dein geliebtes Filmprojekt retten... Ziemlich harter Brocken, sogar für dich.“ Leider hatte er wie so oft Recht. Es stand viel auf dem Spiel.
Kellans Gesicht war maskenhaft verfinstert als er mich am LAX empfing, was ich zu dem Zeitpunkt nicht wirklich verstand, aber als dann im Auto die Motztirade über Lügen, Beziehungen zerstören und so weiter über mich herein brach, wurde mir langsam das Ausmaß der Katastrophe bewusst. An Robs Hotelzimmer angekommen, standen ihm die Ereignisse der letzten Wochen buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Der arme Junge war um 10 Jahre gealtert und sah mehr als zerknautscht aus. Wir umarmten und zurückhaltend und ich muss zugeben, ich hätte nie gedacht, mal in die Situation zu kommen, in der ich vielleicht etwas für ihn tun konnte und vor allem auch wollte. Während der Arbeit an den Filmen waren Rob und ich uns nie besonders grün gewesen, die Berührungspunkte waren an einer Hand abzählbar und es hatte sich einfach auch nie die Gelegenheit ergeben, dass wir hätten so etwas wie Freunde werden können. Er wurde von Beginn an viel abgeschottet, aber auch ich hatte meinen Teil dazu beigetragen, einfach aus purem Mangel an Interesse. Das bereute ich jetzt. Dazu kam leider noch, dass durch Rob schmerzhafte Erinnerungen in mir wieder hoch kochten, es war ein Fakt, dass er dies auslöste, aber persönlich konnte er nichts dafür. Daher würde ich mich zusammen reißen. Außerdem verdiente es in meinem Universum keiner, unglücklich verliebt, oder in irgendeiner anderen Weise traurig oder depressiv zu sein.
„Tara, schön, dich zu sehen“, murmelte unser Superstar verschlafen, aber trotzdem glaubte ich zu merken, dass er es ernst meinte. Kellan hätte seine Bemerkung über mich als diejenige, die ihnen allen das ganze eingebrockt hätte, auch gut und gerne stecken lassen können, aber ich entschied, dass es nicht der Moment war, darüber zu diskutieren. Genauso wenig war es die richtige Zeit, mit Rob tief schürfende Gespräche zu führen, das musste bis zum nächsten Tag warten.
„Ich freu mich auch“, gab ich zurück und lächelte ermutigend bevor ich fort fuhr, „Wie wäre es, wenn wir beiden uns morgen Nachmittag auf nen Kaffee treffen? Bei mir daheim, mal in aller Ruhe. Du weißt vielleicht, dass ich...“ Er unterbrach mich in einem Ton, der sich stark nach Erleichterung anhörte: „Dass du immer gerne beide Seiten einer Geschichte hören willst, bevor du dir ein Urteil erlaubst und dann dementsprechend handelst.“ Ich horchte auf.
„Das stimmt haargenau. Aber wer sagt so was über mich? Wir haben uns so gut nie kennen gelernt.“
Rob verlagerte sein Gewicht nervös von einem Bein auf das andere und fuhr sich durch die Haare. Diese Geste brachte die Ladies normalerweise reihenweise zum Ausflippen, aber bei mir kam er damit nicht weiter. Rob war für mich immer mehr der Prototyp des netten Freundes meines jüngeren Bruders gewesen, also echt alles andere als mein Typ.
„Das sagt man so über dich...“, entgegnete er und sah auf den Boden, redlich bemüht, meinem Blick auszuweichen. Ich nickte. Es war nicht nötig, es auszusprechen, ich hatte genug gelitten.
Kellan fühlte anscheinend die Notwendigkeit, die Stille zu beenden. „Ja gut dann“, begann er, „Was ist denn dann jetzt mit morgen?“
Rob nahm die Chance, das Thema zu wechseln nur allzu gerne wahr. „Ja, absolut, gerne“, lachte er und schaute wieder zu mir, „Ist es ok, wenn ich so um 4 bei dir bin?“
„Klar“, gab ich zurück und zückte eine meiner Business-Karten, „Hier ist noch mal meine Nummer und Email und ich schreib dir gerade noch die Adresse auf die Rückseite.“
Kellan und ich verabschiedeten uns dann auch schon, denn es gab viel zu tun. „Ruf Naischel und Tom an!“, beorderte ich ihn auf dem Weg zurück zum Auto. „Meeting bei mir in 2 Stunden. Ich muss hören, was hier wirklich los ist. Zu der Story muss es zwei Seiten geben...“
„Sorry, wenn ich deine Theorie zerstöre“, lachte Kellan nun, „aber ich glaube, dass es sogar mehr als 2 Seiten sind.“
Ich freute mich unglaublich darauf, meine alte Freundin Naischel wieder zu sehen und passenderweise waren sie und Kellan auch die ersten, die zum abendlichen get-together bei mir eintrafen. Meine Wohnung in West Hollywood war eigentlich nicht wirklich meine, sie gehörte meinem besten Freund Ryan. Ich bewohnte die 4 Zimmer auf 2 Ebenen aber schon seit Jahren und hatte auch nie was Größeres oder in einer anderen Lage gewollt. Alle unsere Freunde wohnten in der Nähe und auch von Naischel aus waren es nur circa eine halbe Stunde Fahrt. Leider hatten wir es bis dato erst einmal geschafft, uns kurz in LA im Starbucks zu treffen, denn sie war viel mit Kellan unterwegs und ich arbeitete in LA, NY, Washington und Canada. Auf dem AB waren insgesamt 4 Nachrichten, meine Freundinnen Kendra und Cat, unser Chef und der letzte im Bunde war erwartungsgemäß Ryan. Hallo mein Liebes, kam seine warme Stimme aus dem kleinen Kasten beim Telefon, herzlich Willkommen in deinem Reich. Ich hoffe, du hattest einen guten Flug. Meld dich, bevor du schlafen gehst, ok? Ich tippte schnell eine Nachricht an ihn in mein Handy, denn es wäre gemein gewesen, ihn bis in die Nacht warten zu lassen. Ich wollte nicht, dass Ryan sich Sorgen machte. Meine Putzfee Maria, die einmal die Woche nach dem Rechten sah, wenn ich nicht da war, hatte mir mal wieder wunderschöne Blumen auf meinen Nachttisch und den Esstisch gestellt und zum Glück auch ein paar nicht so leicht verderbliche Kleinigkeiten eingekauft. Daher konnte ich meinen Gästen nun noch schnell ein paar Dips zaubern, es sollte ja keiner bei mir hungern.
Naischel und ich begrüßten uns laut und stürmisch, so wie es schon seit nunmehr fast 15 Jahren immer war. „Hey Süße“, quietschte sie aufgeregt, „wie schön, dass du da bist! Ich war ganz aus dem Socken, als Kellan es mir gestern Nacht sagte! Wie lange bleibst du?“
„Ach, so ne Woche oder 10 Tage wollte ich schon bleiben“, lachte ich und zwinkerte ihr zu, „Es gibt ja neben der Arbeit noch genug Arbeit für mich, stimmt's?“
„Stimmt“, erklärte mir meine Freundin, deren lange Haare nun in kirsch-rot strahlten, „Aber dieses Mal müssen wir auch mal richtig zum Reden kommen, ok? Und wann lerne ich denn eigentlich mal deinen Super-Ryan kennen?“
Ich atmete tief durch. „Am Wochenende auf der TCA Party. Er kommt übermorgen auch her. Außerdem: Super-Ryan: ja, mein Ryan: nein. Daran hat sich nix geändert.“
„Oh je“, Naischel legte beruhigend ihre Hand auf meinen Unterarm, „Egal wie, es wird schon alles gut werden. Wir haben jetzt wieder Hoffnung, weil du da bist.“
„Danke“, sagte ich und versprach ihr, dass ich tun würde, was zu tun wäre. „Das kannst du annehmen, du Granatentussi“, schrie es und sprang neben uns auf die Couch.
„Ash, na du kleine Terrorkugel!“, begrüßte ich meine Kollegin und Freundin, „Wie geht’s dir?“
„Super!“, sie strahlte mich freudig an, „lass mal gleich über das Wesentliche reden, bevor die ganzen Leute kommen.“ Naischel und ich wechselten gleichzeitig die Gesichtsfarbe.
„Was denn für Leute?“, wollte ich natürlich sofort wissen. Ashley war sich offensichtlich keiner Schuld bewußt.
„Naja, es hat sich rum gesprochen, dass du da bist. Peter, Jackson, Nikki und Rachelle kommen gegen 9 auf nen Drink rüber. Keine Sorge, die bringen alles mit! Kein Stress!“
„Na Gott sei Dank“, atmete ich erleichtert auf, „und jetzt will ich hören, wie der Stand der Dinge aus eurer Sicht ist. Jeder einzeln und Naischel zuerst. Was ich bereits verstanden habe, ist, dass ihr der Meinung seid, dass Rob und Neele sich immer noch sehr lieben und es eurer Meinung nach noch mal versuchen sollten. Rob will das auch, dass hat er Tom gesagt, aber von Neele weiß es keiner so genau, zumal sie ja auch den guten Paul hat. Zwischen Rob und Kris ist Schluss seit der Premiere, das hat sich sogar nach Washington durchgetankt.“
„Bis dahin alles richtig“, sagte Naischel und ich merkte ihr an, dass ihr das ganze Drama sehr nahe ging. Sie drehte nervös die Kaffeetasse in ihren Händen und schaute kurz darauf auf. „Der Punkt ist letztendlich, dass es so, wie es im Moment ist, nicht weiter gehen kann. Wir kommen alle nicht mehr ran, weil wir auch um ganz ehrlich zu sein, mit zu vielen Vorurteilen behaftet sind und zu tief drin stecken.“ Da hatte sie anscheinend eine Sache ausgesprochen, in der sich alle einig waren. Nicken und tiefes Seufzen in allen Ecken.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen